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Geschichte

Der Bahnhof Jena-Göschwitz um 1890 auf einer Postkarte.

Der etwas andere Hauptbahnhof

Der Bahnhof Göschwitz ist eng mit der industriellen Entwicklung Jenas verbunden. Lange Zeit war der Kreuzungspunkt von Saalbahn und Weimar-Geraerer-Bahn vor allem  ein wichtiger Umschlagplatz  für Güter und Rohstoffe. Mit dem Wachstum der Stadt rückte Göschwitz näher an  Jena heran.  Seit am Bahnhof   auch Straßenbahnen  halten, erlebt Göschwitz  einen regelrechten Aufschwung im Personenverkehr. Mit der Tram fahren die Jenaer zwei Minuten bis nach Lobeda und 14 Minuten sind es bis in die Innenstadt. Der Bahnhof am größten Gewerbegebiet Jenas ist heute auch ein Tor zur Universitätsstadt. Der Bahnhof kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken.

Eröffnung am 1. Juli 1876

Der Bahnhof  wurde am 1. Juli 1876 eröffnet. Bereits in den folgenden Jahren gingen Anschlussgleise zur Holzfabrik in Burgau  oder zur Zementfabrik der Firma Prüssing in Betrieb. Laut Gebäudezeichnungen der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft, Amt Jena, hatte der Bahnhof im Jahre 1926 zwei Warteräume. Das waren  einen großen Saal für Reisende 3. und 4. Klasse und einen kleineren für Reisende 1. und 2. Klasse. Daneben stand auch ein 25 Quadratmeter großer Speisesaal zur Verfügung. Der Bahnhofsinspektor hatte seine Wohnung im Obergeschoss des mittleren Gebäudeteils. Im Seitenflügel gab es oben Unterkünfte für die Mitarbeiter des Bahnhofswesens. Der Keller ist so massiv gebaut, wie es bei der Eisenbahn damals üblich war. Als Folge des 1. Weltkrieges wurde ein Teil des Kellers zum Luftschutzraum mit Gasschleuse umgebaut.

Der Bahnhof um 1930. Links das frühere Postgebäude.

Wasserkräne standen früher auch in Göschwitz. Um 1930 befand sich links ein Postamt.

Den meisten  Güterverkehr erlebte Göschwitz in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Fertigteile aus dem Göschwitzer Betonplattenwerk wurden per Zug in die Hauptstadt Berlin transportiert, und der enorme Warenumschlag für das Kombinat Carl Zeiss Jena machte den Bau eines Container-Umschlagplatzes östlich des damaligen Gleises 22 (!) erforderlich. Nicht zu vergessen, die Züge mit Braunkohle, die über die Anschlussbahn  das Heizkraftwerkes Süd erreichten, das von Winzerla aus einen Großteil der Einwohner Jenas und die Industrie mit Fernwärme versorgte. Sechs Ganzzüge mit mehr als 5000 Tonnen Kohle waren das demesntsprechend pro Tag. Aber auch das ist Geschichte.

Seit 2010 heißt der Bahnhof Jena-Göschwitz

Zeitweise waren weit mehr als 100 Eisenbahner im und am Bahnhof Göschwitz beschäftigt. Sie arbeiteten im Stellwerk und im Bautrupp, kümmerten sich um Bahnhofsaufsicht, Fahrkarten oder Gepäckabfertigung.  Der Lokbahnhof, der Rangierdienst und die Anschlussbahn waren weiterer Einsatzorte. Natürlich hatte der Bahnhof eine „Mitropa“: Die morgens verkauften belegten Brötchen und die Soljanka waren legendär. Der heutige Ortsteilbürgermeister Neulobedas, Volker Blumentritt, war hier viele Jahre Koch. Im Dezember 2010 erfolgte auf Drängen der Stadt Jena die Umbenennung des Bahnhofs. Seitdem halten die Züge nicht mehr in „Göschwitz (Saale)“, sondern  in „Jena-Göschwitz“.

Einige Züge schliefen am Bahnhsteig

Züge sah der Bahnhof eine Menge: Personenzüge und Eilzüge machten Station in Göschwitz. Der Schnellverkehr fuhr meist vorbei wie in den 30er Jahren die „Fliegenden Züge“ der Reichsbahn oder von  2000 bis 2017 der ICE-T der Deutschen Bahn. Einige Züge blieben länger in Göschwitz stehen: Der Schlafwagenzug Berlin – München legte nach der Jahrtausendwende immer nachts einen halbstündigen „Schlafhalt“ in Göschwitz ein, damit die Reisenden nicht zu früh am Morgen in der bayrischen Landeshauptstadt ankamen. Und der Ausstellungszug „Science Express“ stand im Jahre 2009 drei Tage lang am Hausbahnsteig 4 des Bahnhofs.

Zugtafel von IC 2656

Zuglaufschild aus dem Jahre 2004: Zur Geschichte des Bahnhofs gehört eine  Direktverbindung von Göschwitz nach Frankfurt/Main.

Vor gut 100 Jahren war ein  Schnellzug von Aachen nach Wien das Highlight am Göschwitzer Bahnhof. Ab 1908 führte dieses Zugpaar auch Schlafwagen zwischen Cöln und Eger. Ein besonderer Zug der DDR-Reichsbahn war D900/D903. Er  fuhr in den 1980er Jahren  und wurde von Reichsbahnern kurz  „Katze“ genannt. Er rollte von Dresden über Göschwitz nach Katzhütte.Den hierzu notwendigen Sprung von der Weimar-Geraer-Bahn zur  Saalbahn schaffte der Zug, weil am Westbahnhof umgespannt wurde.  Eine interessante Geschichte dazu erzählten alte Eisenbahner. Da im Bitrowagen von D900/D903 oft Radeberger Bier vorrätig war, dass es normalerweise in der DDR nicht so zu kaufen gab, holten die Jenaer in Jena-West ihr Radeberger. Es hatte sich herumgesprochen, dass das Umspannen der Lok eine Weile dauert. Dadurch blieb genügend Zeit für den Einkauf am Bahnsteig.

Eine Geschichte mit vielen Bahnverwaltungen

Insgesamt fünf Bahnverwaltungen nutzten den Bahnhof. Ab 1. Mai 1874 fuhr zunächst die Saal-Eisenbahn-Gesellschaft (Strecke Großheringen – Saalfeld) über Göschwitz. Ab 29. Juni 1876 war hier auch die Weimar-Geraer Eisenbahn-Gesellschaft unterwegs, die zugleich  das Bahnhofsgebäude baute. Von 1895 ging die Nutzung an die Königlich Preußische Staatseisenbahn über.  1920  übernahm die Deutsche Reichsbahn das Geschäft. Bis 1922 als Deutsche Reichseisenbahn, zeitweise auch als Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft, und auch in der DDR blieb es beim Namen Deutsche Reichsbahn. Ab 1994 übernahm die Deutsche Bahn die Regie.

Umbau Bahnhof Jena-Göschwitz

Der neue Bahnsteig 4 des Jena-Göschwitzer Bahnhofs.

Das Empfangsgebäude wurde in den Jahren 1959 und 1996 umgebaut. Ab 1999 fand die Lehre für Kaufleute im Verkehrsservice im „Juniorbahnhof“ Göschwitz statt. Seit Einstellung der Berufsausbildung stand das Gebäude leer. Aber für einen Dornröschenschlaf ist der Standort nicht der rechte Platz. Mehr als  4000 Reisende sind heute täglich hier unterwegs. Und die Industrie wächst. Denn nordwestlich des Bahnhofs entsteht gerade der Technologiepark „Jena21“, dieser dient renommierten Hightech-Firmen als Standort.

2014 erfolgte der Verkauf des Gebäudes durch die Deutsche Bahn. Im folgenden Jahr begann die Bahnhof Jena-Göschwitz KG mit der Sanierung. Im südlichen Gebäudeteil sind seitdem Gewerberäume, ein öffentliches WC und ein Bistro mit Ticketverkauf entstanden. Die im Obergeschoss vorhandene Wohnung wurde saniert.

In Jena-Göschwitz überholt die Erfurter Bahn den IC der DB.

Auf Gleis 2 überholt die Erfurter Bahn schon mal den IC der DB.

Die Bahnhof Jena-Göschwitz KG sieht den nunmehr gebotenen Service als Probelauf für das im 2. Bauabschnitt geplante „Reisezentrum“. Dieses  könnte in den  nördlichen Gebäudeteil nach dessen Sanierung einziehen. Dort,  wo sich früher bereits zwei Wartesäle befanden.


 

Mit der Eisenbahn nach Jena-Göschwitz

Wie Reisende auf der Saalbahn die Fahrt durch Jena nach Göschwitz erleben,  wird in einem Eisenbahnreiseführer von 1981 beschrieben:

„Einen Eindruck von der Schönheit der Jenaer Landschaft bekommt man nicht nur bei einer Wanderung in die Umgebung der Universitätsstadt, sondern schon vom Abteilfenster des Zuges aus. Bei der Fahrt durch  Jena hat der Reisende einen eindrucksvollen Blick auf die neuen Gebäude der Stadt, die zur Friedrich-Schiller-Universität  (Hochhaus)  und den bedeutenden Betrieben Jenas gehören. (…) Kurz hinter  der Blockstelle Ammerbach kreuzt die Strecke Weimar – Gera.  Nun geht es auf viergleisigem Bahnkörper zum Bahnhof Göschwitz, der scherzhaft oft als der eigentliche Hauptbahnhof Jenas bezeichnet wird. Das geschieht neuerdings gar nicht zu unrecht.  Denn seit 1979 halten bereits einige Schnellzüge  im Bahnhof Göschwitz. Zugleich ist die Wohnstadt Jena-Lobeda  weit günstiger vom Bahnhof Göschwitz zu erreichen als vom Saalbahnhof oder vom Westbahnhof.“

Quelle: „Reiseziele für Eisenbahnfreunde/Bahnland DDR“, Autor: Hans-Joachim Kirsche/Transpress-Verlag Berlin, 1981